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Millionenfaches Kükentöten

Wie die Geflügelwirtschaft den Ausstieg torpediert und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner den Koalitionsvertrag bricht

Die deutsche Geflügelwirtschaft und die Bundesregierung verschleppen den Ausstieg aus dem Kükentöten. In Verhandlungen mit Bundesagrarministerin Julia Klöckner hat der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) lediglich einen 50-Prozent-Ausstieg bis in drei Jahren angeboten.

Das geht aus einem bisher unveröffentlichten Lobby-Papier hervor, das der ZDG am 15. Oktober bei den Gesprächen mit dem Bundesagrarministerium verteilte und das foodwatch an diesem Freitag veröffentlicht hat. Auf ein Datum für ein vollständiges Ende der tierschutzwidrigen Praxis ließ sich der Branchenverband in dem Papier nicht ein. In den nächsten Wochen soll es nach foodwatch-Informationen zu einem weiteren Termin zwischen Branchenvertretern und Ministerium kommen.

Julia Klöckner setzt auf eine freiwillige Vereinbarung mit der Geflügelwirtschaft. Nach Informationen von foodwatch hat sie der Branche einen Stufenplan vorgelegt, dem zufolge die Zahl der getöteten männlichen Eintagsküken bis Ende 2019 um 20 Prozent, bis Ende 2020 um 50 Prozent reduziert und bis Ende 2021 ein vollständiger Ausstieg erreicht werden soll. Schon mit diesem Verhandlungsangebot verstößt die Ministerin gegen den Koalitionsvertrag, in dem sich Union und SPD dazu verpflichtet haben, das Kükentöten im Jahr 2019 zu beenden. Doch der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft lässt sich in dem Lobby-Papier vom 15. Oktober noch nicht einmal auf diesen deutlich großzügigeren Zeitplan ein. Stattdessen will er sich nur unverbindlich „als Ziel“ setzen, „im Verlauf des Jahres 2022 die Zahl der getöteten Hahnenküken um mindestens 50 Prozent zu verringern“. Mehr als 20 Millionen männliche Küken pro Jahr könnten folglich auch danach noch kurz nach dem Schlüpfen getötet werden. Ob bzw. wann es nach dem Willen des Branchenverbandes zu einem vollständigen Ausstieg kommen soll, lassen die Lobbyisten in ihrem Papier offen.

„Wenn Frau Klöckner immer nur auf freiwillige Lösungen setzt, darf sie sich nicht wundern, wenn sie von der Geflügellobby am Nasenring durch den Hühnerstall gezogen wird“, erklärte foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. „Was im Koalitionsvertrag steht: egal. Dass im Grundgesetz das Staatsziel Tierschutz steht: egal. Dass die Geflügellobby blockiert, wie sie nur kann: auch egal. Was muss eigentlich passieren, damit Frau Klöckner der Agrarbranche nicht mehr mit einer Selbstverpflichtung nach der anderen hinterherrennt?“

Das Bundesverwaltungsgericht hat in einem Urteil vom 13. Juni 2019 erklärt, dass das Töten männlicher Küken zwar nicht mit dem Grundsatz des Tierschutzes vereinbar ist, übergangsweise jedoch noch fortgesetzt werden darf. Frau Klöckners Vorgänger Christian Schmidt hatte den Ausstieg bereits für 2017 versprochen. Im aktuellen Koalitionsvertrag, den Frau Klöckner mit verhandelt hat, vereinbarten Union und SPD ohne jede Einschränkung: „Das Töten von Eintagsküken werden wir bis zur Mitte der Legislaturperiode beenden.“ Die Mitte der Wahlperiode ist jetzt, im Herbst 2019 erreicht. Doch laut Bundesagrarministerium werden noch immer jährlich mehr als 40 Millionen männliche Küken kurz nach dem Schlüpfen getötet, weil sie keine Eier legen. Die Aufzucht ist für die Brütereien unwirtschaftlich, denn die Hühner werden entweder für eine extreme Legeleistung oder eine extreme Mastleistung gezüchtet.

foodwatch kritisierte, dass Frau Klöckner ausschließlich auf technische Verfahren setzt. Am Grundproblem ändere sich nichts, wenn im Brut-Ei das Geschlecht bestimmt würde und männliche Küken nicht auf die Welt kämen. Auch die Legehennen litten massiv an der Hochleistungszucht, so die Verbraucherorganisation. Etwa an hohen Sterblichkeitsraten, Knochenbrüchen und Brustbeinschäden oder Infektionskrankheiten. Statt auf Geschlechterselektion zu setzen, müsse sich Bundesagrarministerin Julia Klöckner daher für ein Ende der einseitigen Hochleistungszucht einsetzen. Die Verwendung von sogenannten Zweinutzungs-Hühnern, die sowohl für die Eierproduktion als auch für die Mast geeignet sind, wäre eine gute Alternative. Diese Tiere sind gesundheitlich weniger anfällig und auch die Hahnenküken können als Nutztiere eingesetzt werden.

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Quelle: foodwatch e.V. | Bild ©: Igor Terekhov/adpic

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